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Bildung ganzheitlich –
Kunstpädagogik und Schule gemeinsam

von Dieter Rossmeissl

Für die Puristen ist klar, dass Kunst sich selbst genügt, keiner Nützlichkeitsforderung und damit auch keinem Rechtfertigungszwang unterworfen ist. Das Postulat von der Freiheit der Kunst verleiht dieser Auffassung scheinbar sogar verfassungsrechtliche Weihe.

Die Realität freilich sieht deutlich anders aus: Kunst braucht – zumindest wenn sie nicht nur „sein“, sondern auch wahrgenommen werden und wirken will – eine Vielzahl von Voraussetzungen, die sie in der Regel nicht aus sich selbst schaffen kann. Eine besonders wichtige ist ein interessiertes Publikum. Doch dieses gibt es nicht ohne weiteres. Natürlich gibt es das Vernissagen-Publikum, für das Kunst Anlass zum kulturellen Event ist, und etliche Ausstellungen zählen fast die Hälfte der gesamten Besucher an diesem einen Abend. Aber der Anteil der Menschen, die sich der Mühe einer Auseinandersetzung mit fremden Gemälden, Fotos, Keramiken, Skulpturen oder Videoarbeiten unterziehen, ist winzig. Das Publikum muss also erst entstehen. Damit sind wir bei der künstlerischen Begründung für kulturelle Bildung. Nur dann, wenn sich Kunst aus ihrer selbstgenügsamen Präsentation heraus bewegt und sich auf Vermittlung, auf kulturelle Bildung also einlässt, entsteht das Umfeld, das sie zu ihrem Überleben braucht.

Kunstschulen sind Orte, an denen die Fähigkeit zur Auseinandersetzung gelernt wird– gerade weil sie dort nicht theoretisch erfolgt, sondern durch die Erfahrungen, die eigenes Tuns vermittelt. Sie stellen an den Anfang die spielerische Annäherung an die Techniken, ohne die Kunst nichts kann, wecken Lust an der Gestaltung und schaffen implizit damit die Fähigkeit, Neugier auf mehr zu entwickeln. Aber nicht nur die Kunst braucht ein verständiges Publikum, auch die Menschen brauchen die Kunst – und zwar alle Menschen, gerade auch die, die das noch nicht wissen. Kulturelle Bildung ist etwas, das man meist nicht vermisst, wenn man es nicht hat. Aber kulturelle Bildung ist dennoch unverzichtbar zur Persönlichkeitsbildung.

Kulturelle Bildung ist eng mit einer Reihe von Kompetenzen vernetzt, die wir nicht nur zur künstlerischen Gestaltung und Rezeption brauchen, sondern schlicht zum Überleben. Sie lehrt den Zusammenhang von Lust und Anstrengung, die beide für jedes Lernen notwendig, für jedes Tun förderlich sind. Sie lehrt den Zusammenhang von Eigen-Sinn und sozialer Vernetzung, weil ohne beide keine künstlerische Produktion funktioniert. Sie demonstriert die gegenseitige Abhängigkeit von Wissen und Tun (von kognitiven und instrumentellen Kompetenzen, wie es in der Terminologie der Pädagogik heißt). Und sie fördert damit vor allen anderen die Kreativität, die zum Überleben in einer sich immer rascher ändernden Welt existentiell ist.

Letzteres ist besonders wichtig, weil es (scheinbar widersprüchlich) aus einem Defizit resultiert: Kunstschulen sind unfähig, klare Kriterien zu vermitteln, was denn Kunst sei. Sie teilen diese Unfähigkeit mit allen, die mit Kunst zu tun haben. Und das ist auch zwangsläufig so, denn wenn Kunst den Anspruch erhebt, innovativ zu sein und traditionelle Grenzen zu überschreiten, dann wird es logischerweise jenseits der überschrittenen Grenze keine verlässlichen Maßstäbe mehr geben. Wer Miro oder Beuys mit den Kriterien zur künstlerischen Qualität bei Rubens bewerten will, wird ein Problem haben. In der kulturellen Bildung sind Unsicherheiten und Fehler erwünscht, weil sie im offenen System dieser Bildung Stufen des Fortschritts sein können. Auch diese Einsicht in die Nützlichkeit von Fehlern ist übrigens ein Beitrag der kulturellen Bildung für Erkenntnisgewinnung jeder Art – auch in der Schule.

Die Unsicherheit fester Kriterien und dennoch immer wieder stattfindende Auseinandersetzung und Bewertung zwingt zu dem vielleicht Wichtigsten, was kulturelle Bildung lehrt: die Fähigkeit zur Selbstkritik. Wer über keine verlässlichen Kriterien verfügt, wird sein Urteil immer und immer wieder hinterfragen müssen. Diese Fähigkeit, sich selbst, das eigene Urteil und den eigenen Standpunkt immer wieder in Frage zu stellen, ist nicht nur Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, sondern auch Überlebensqualität in einer sich verändernden Welt. Wo sonst als in der kulturellen Bildung ließe sich dies lernen? Wo wäre ein besserer Ort als an den Kunstschulen? Freilich relativieren sich diese Überlegungen rasch, wenn wir auf die geringe Zahl derer, die solche Angebote in Anspruch nehmen. Kunstschulen sind freiwillige Einrichtungen und wollen es in ihrem Selbstverständnis auch sein. Wenn aber das, was sie vermitteln, tatsächlich so wichtig ist, dann darf es nicht nur einer kleinen Zahl von Kindern zugute kommen. Wenn dieser Bildungsansatz wichtig ist, muss er in ein Gesamtkonzept von Bildung integriert werden und muss auch seinen Platz dort finden, wo Bildung für alle angeboten wird: an der Schule. Schulpflicht und die Demokratisierung von Bildung sind nichts anderes als zwei Seiten derselben Medaille – und weder Schule noch traditionell außerschulische Bildungsträger können sich vor dieser Verantwortung verschließen.

Ein Wandel in der Schule verstärkt diese Notwendigkeit zur Kooperation: Mit Bayern als Schlusslicht haben inzwischen alle Bundesländer die Ganztagsschule entdeckt. Die skandalöse Abhängigkeit des Lernerfolgs von der sozialen Herkunft zwingt geradezu dazu, Schule zur Lebenswelt der Kinder und Jugendliche zu öffnen. „Non scholae sed vitae“ ist keine rein pädagogische Forderung, sondern leitete sich aus dem gesellschaftlichen Auftrag der Schule ab. Wenn die Ganztagsschule den Kindern und Jugendlichen ein wesentliches Zeitkontingent für Lernen und Leben außerhalb der Schule nimmt, dann muss sie ihnen das in der Schule wieder zurück geben: indem sie Schule von Lern- zum Lebensraum umgestaltet (und viele gute Beispiele zeigen, dass das geht!), und indem sie einen neuen, umfassenden Bildungsbegriff entwickelt. Für die Halbtagsschule mag eine fächerorientierte Halb-Bildung genügt haben; die Ganztagsschule braucht einen ganzheitlichen Bildungsbegriff. Dieser aber ist ohne kulturelle Bildung, ist ohne Kunst nicht möglich. Und für die Kunst und ihre Bildung ist es notwendig, sich nicht im Eigen-Haus der Kunstschule zu verkriechen, sondern dorthin zu gehen, wo die Kinder und Jugendlichen sind – wo sie alle sind: an die Schule. Das ist die effektivste Form niedrigschwelligen Zugangs. Das tradierte Selbstverständnis als „außerschulische“ Einrichtung steht dieser Konsequenz oft im Weg. Da polemisiert z.B. (in den Kulturpädagogischen Nachrichten Juli 2007) Werner Lindner, Schule könne als „staatlich befohlene und bei Strafe verordnete“ Einrichtung gar nicht Lebenswelt sein und versteigt sich gar zu der (auch politisch absurden) Zuspitzung, „der Staat als Lebenswelt“ sei „der Inbegriff eines totalitären Staatswesens“. Wer die – natürlich von der Schulpädagogik unterschiedliche – Methodik kultureller Bildungspartner der Schule so benutzt, um einen integrierten Lebens- und Lernraum im Rahmen der Schule zu desavouieren, begreift offenbar nicht, dass er damit entweder den demokratischen Fortschritt der allgemeinen Bildung wieder rückwärts dreht oder den Jugendlichen einen wesentlichen Teil ihrer Zeit und ihrer realen Erlebniswirklichkeit wegdefiniert. Tatsächlich ist Schule einer der wesentlichsten Orte im Erleben (und oft sicher auch Erleiden) von Kindern und Jugendlichen. Diesen Ort – gerade weil er Pflichtveranstaltung ist und sein soll – mit einem integrierten Bildungskonzept neu zu gestalten, ist eine Aufgabe, der sich die Städte stellen und die Länder stellen müssen. Würden sich die Kunstschulen dem verweigern, wäre der Schaden für beide groß.

Natürlich ist Schule in der Breite ihres Bildungsauftrags stärker strukturiert, als ihre kulturell orientierten Partner; und natürlich setzt Struktur auch Rahmen. Aber – bleiben wir im Bild: Ein Rahmen sorgt auch dafür, dass nichts heraus fällt, dass nichts verloren geht, nichts – und niemand! Und: Ein Rahmen schafft auch Raum für Entwicklung und Freiheit. Die Frage, wie dieser pädagogische Raum sinnvoll gefüllt werden kann, ist auch Leitfrage des Verhältnisses von staatlicher und städtischer Bildungspolitik. Sie beschränkt sich allerdings nicht auf die kulturelle Bildung, sondern bezieht auch die Schulsozialpädagogik als wesentlichen Ansatz mit ein.

Die Städte haben für die kulturelle Bildung bei ihren Bürgern und ihren kommunalen Institutionen Kompetenzen, über die das staatliche Schulsystem nicht oder nicht in dieser Qualität verfügt. Musikschulen, Jugendkunstschulen, Galerien, Bibliotheken und Theater sind kommunale Orte der Kunst und auch kultureller Bildung. Die Städte bringen diese Kompetenzen im Rahmen des gemeinsamen Bildungsauftrags gern auch in die Schulen ein. Sie dürfen (und müssen aufgrund ihrer Finanzlage) aber auch erwarten, dass die Länder diese Angebote nicht einfach dankend kassieren und die Städte auf ihren Kosten sitzen lassen. Und: Die Städte wollen dann auch bei der Ausgestaltung des pädagogischen Konzepts der Schulen mit reden und mit entscheiden. Eine so „erweiterte Schulträgerschaft“ brächte viele Entscheidungen näher an die eigentlichen pädagogischen Akteure heran und wäre so auch ein Beitrag zu deren verbesserten Teilhabe und damit zur Demokratie.

Bis dahin ist noch ein gutes Stück Weg zu gehen. Noch haben viele Kunstschulen, Musikschulen und Künstler Angst, von dem „Koloss Schule“ schlicht vereinnahmt zu werden. Und auch etliche Lehrer – Musik- und Kunstpädagogen vor allem – haben Angst vor dem eigenen Attraktivitätsverlust, wenn Künstler neben sie treten. Aber gegenseitige Angst bewältigt man nicht mit Distanz. Im Gegenteil: Angst bewältigt man durch Nähe. Es führt kein Weg vorbei an einer Annäherung auf gleicher Augenhöhe, an dem Bemühen, die jeweiligen Stärken und Schwächen kompensatorisch mit einander zu verbinden und so in der jeweiligen Stadt ein jeweils für diese Stadt passendes Profil kultureller Bildung zu entwickeln. Dieses Profil können und müssen die Städte mit ihren kulturellen Einrichtungen und die Schulen gemeinsam gestalten. Das alles fällt zudem viel leichter, wenn es dazu ohnehin keine sinnvolle Alternative gibt.

Dr. Dieter Rossmeissl

  • berufsmäßiger Stadtrat
  • Dezernent für Kultur, Jugend und Freizeit der Stadt Erlangen
  • Vorsitzender des Kulturausschusses Bayerischer Städtetag

Literaturhinweis:
Dieter Rossmeissl / Andrea Przybilla:
Schulsozialpädagogik. Denken und Tun als Weg zum mündigen Menschen
,
Bad Heilbrunn (Klinkhardt) 2006


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