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Evaluation von Bildungswirkungen in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit

aus einer aktuellen Studie von Werner Lindner
(der Bericht wurde im Rahmen des Arbeitsauftrages für Nordrhein-Westfalen verfasst)

Vorbemerkungen:

  1. Bildung bezeichnet das Vermögen, sich in sich fortwährend ändernden, unübersichtlichen und komplexen Lebenswelten zu orientieren. Weil Bildung eher ein Reservoir von Möglichkeiten und Potenzialen bezeichnet, vermag eine Evaluation von Bildungseffekten in der Folge keine ein für allemal feststehenden Wirkungen trennscharf zu bestimmen, sondern kann allenfalls lebenslang sich verändernde, dabei flüchtige und hochgradig intransparente Effekte punktuell einschließen.
  2. Im Rahmen einer hierauf angelegten explorativen Evaluation ist zu berücksichtigen, dass ein solchermaßen auf Subjektorientierung, Persönlichkeitsentfaltung, lebenslangem Lernen, Prozessoffenheit und Nicht-Planbarkeit basierendes Bildungsverständnis einen nicht-normativen, deutend-interpretativen Zugang erfordert.
  3. Schließlich ist das Kriterium der Freiheit bzw. Freiwilligkeit – als essenzielle Strukturmaxime der kulturellen Kinder- und Jugendbildung – eine unabdingbare Voraussetzung für selbstinitiierte Bildungsprozesse. Sofern also deren Angebote von ihren Zielgruppen im Sinne aktiv-erprobender, kreativer Auseinandersetzung mit ästhetischen, künstlerischen und kulturellen Materialien und Medien genutzt wird, ist – so die Hypothese – davon auszugehen, dass vielfältige subjektbezogene Anregungs- und Bildungsprozesse mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden. Die durchgeführte Evaluation diente mithin nicht primär der Beantwortung der Frage, ob, sondern welche Bildungseffekte festzustellen wären. Sie ermöglichte vorrangig die Beschreibung, Dokumentation, Darstellung und Präzisierung von Bildungseffekten bzw. Bildungsimpulsen."

Den Bildungsbegriff, der dieser Evaluation zugrundeliegt, muß man zu oben genanntem noch näher beleuchten, weil „noch kein hinreichendes konsensuelles Einverständnis“ unterstellt werden kann. Es ist „festzustellen, dass in der gegenwärtigen Debatte über Bildung eine Engführung auf funktionale, utilitaristische und integrative Zwecke erfolgt, die Bildung primär im schulischen Kontext auf formale Merkmale reduziert.“

Das Bildungsverständnis der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit kann in seinen gedanklichen Grundzügen wesentlich auf den Neuhumanismus des 17. und 18. Jahrhunderts und seine geistigen Nachfolger zurückgeführt werden. Bereits an einer markanten Aussage Wilhelm von Humboldts lassen sich zwei genuine Bildungsmaximen ausgezeichnet belegen, denn in seiner Ideenschrift von 1792 heißt es: „Der wahre Zweck des Menschen (…) ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung. Allein ausser Freiheit erfordert die Entwikkelung der menschlichen Kräfte noch etwas anderes, obgleich mit der Freiheit verbundenes: Mannigfaltigkeit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder aus.“

Des weiteren darf „Bildung nicht nur Spaß machen, sie muss es sogar“. Nur meint er hier nicht schrille Grenzüberschreitung, verantwortungsblinden Hedonismus und folgenloses Instant-Vergnügen, sondern auch und vielmehr: Hingabe, Vertiefen, Versenken in einen Gegenstand, höchste Konzentration, Eigenverantwortlichkeit, Interesse und Herausforderung in der Realisierung selbt gewählter Aufgaben und hohe Identifikation mit dem eigenen Tun, welches insofern eher einem Verständnis von „Sinn“ folgt (vgl. W. Zacharias).

Bildung meint die „Arbeit an der Differenz“ – Nur wenn etwas vorhanden ist, das sich von dem unterscheidet, was ein Kind oder Jugendlicher bisher schon kennt und beherrscht, dann ist daraus vielleicht etwas im Sinne von Bildung zu lernen.

Bildung ist Zumutung und Herausforderung, Bildung verlangt Anstrengungen und setzt auf Fragestellungen, die sich nicht geradewegs beantworten lassen. Bildung ist eine Expedition in Gefilde vorgeblicher Gewissheiten, in fremde, (bislang) unbekannte Zonen, ist Erschütterung von Sicherheiten, zugleich unausweichliche Konfrontation mit dem, was man noch nicht kann. Bildung ist deshalb bisweilen verbunden mit herausfordernden Kränkungen und Erfahrungen des anfänglichen Scheiterns, aber ebenso mit der Einsicht, dass die Unterlegenheit durch selbstinitiierte Anstrengung (und deren Unterstützung von außen) bewältigt werden kann. Dabei dient das (selbst)reflektierende Innehalten und Gewahrwerden den eigenen Bildungsprozessen. Auf die Frage: Was bildet den Menschen? antwortet Hartmut von Hentig: Alles. Sich jedoch damit zufrieden zu geben, ist nicht unproblematisch, denn es provoziert die Frage: Wenn das Leben doch bildet (Pestalozzi) – wozu dann noch kulturelle Jugendbildung? Bildung ist immer auch geistige Verarbeitung von Erfahrung. Eine Bildung, die gleichsam hinter dem Rücken des Subjekts abläuft und diesem nicht selbst auch zu Bewusstsein kommt, geschähe bewusstlos und bliebe hinter dem eigenen Anspruch zurück.

Zu Beginn der Evaluation wurden den beteiligten Trägern das Bildungsverständnis des Arbeitsfeldes konzeptionell erläutert und drei unterschiedliche qualitative Zugänge zu deren Evaluierung vorgestellt: Prozessorientierung, Indikatorenbildung, Interviews. Den Trägern wurde freigestellt, welcher Evaluationszugang und welches Projekt für die Evaluierung auszuwählen war. Es beteiligten sich zehn Projekte aus dem gesamten Spektrum von der Theater- und Medienarbiet über Tanz, Zirkus, Bildende Kunst, Musik und Literatur. In einem Projekt trafen Jugendliche aus einer Justizvollzugsanstalt auf Gymnasialschüler; Kinder aus offenene Zusammenhängen waren ebenso Ziel der Evaluierung, wie Jugendliche einer Förderschule. Die Ergebnisse konnten schließlich in aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen acht unterschiedliche Kategorien identifiziert werden (vgl. unten und: Details im Bericht S. 10).

„Bildungsimpulse in der kulturellen Bildungsarbeit sind spezifisch personenbezogen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass im Rahmen von ca. 50 Interviews über 30 verschiedenartige Lernerfahrungen im Sinne von Bildungseffekten erschlossen werden konnten.“

Einen Einblick mögen mehrere Antworten einer Kategorie geben (hier: Lern- und Bildungserfahrungen):

  • „Ich habe gelernt, dass es Spaß macht, andere Leute zu begeistern.“
  • „Und was mir angenehm aufgefallen ist, dass auch nach drei, vier Wochen schon erste Fortschritte zu sehen waren.“
  • „Körperbeherrschung.“
  • „…ja, eigentlich in die Rolle von jemandem reinzuschlüpfen, der sich eben umbringen will, und das ist auch interessant zu erfahren, wie man so etwas spielen kann und eben die Gefühlsausdrücke und so was darzustellen.“
  • „Gelernt habe ich auf jeden Fall, dass es beim Theaterspielen nicht nur auf eine (Person) ankommt, auch wenn der Fokus vielleicht gerade auf einem liegt, sondern auf ganz viele Leute, dass alle irgendwie zusammenhalten müssen und vor allen Dingen, dass man irgendwo immer so´n hinteres Auge haben muss und kucken muss: was macht jetzt der eine, oder: verpasst er seinen Text, oder noch einspringen muss, Spontaneität auf jeden Fall und dann halt dieses Aufeinander-Achten.“
  • „...dass es keine Unterschiede zwischen einzelnen Gesellschaftgruppen gibt und dass Menschen, die im Knast sitzen, nicht unbedingt gleich jemanden ermordet haben müssen. Und dann, dass man mit denen auch ganz offen reden kann und dass man auch Spass am Theater haben kann.“
  • „Zu improvisieren, das ist mir am Anfang sehr schwer gefallen. Man hat irgendwie immer schon etwas im Kopf. Und A. (päd. Leiterin) hat immer gesagt: Geht da mit einem »empty space« rein und denkt Euch vorher nichts aus. Und zum Teil gabs dann wirklich auch so Situationen, wo ich gedacht habe: Jetzt gehe ich auf die Bühne und wusste gar nicht, was ich mache und das hat dann auch meistens irgendwie ganz gut geklappt. Das ist auch etwas, was ich gelernt habe, dass man sich nicht vorher alles genau einplanen muss, sondern dass eben auch viel über Improvisation und Spontaneität kommen kann.“

Zusammenfassung

Im Rahmen der durchgeführten Untersuchung hat die kulturelle Kinder- und Jugendarbeit bzw. Kulturpädagogik als „offenes, vielfältiges System von Erfahrungsorten, Bildungsinhalten und Beziehungsformen im Umgang mit symbolischen Formen und experimentellen Lebensstilen“ nachweisliche Bildungseffekte zu verzeichnen, die dazu beitragen:

  • Ich-Stärke
  • Erfahrungen der Selbstwirksamkeit
  • soziale Sensibilität
  • und die
  • Kultivierung der ästhetischen Expressivität zu entwickeln.

Die Ergebnisse der Evaluation sind fotografischen Schnappschüssen vergleichbar. (...) (Anderes) wird insbesondere im Hinblick auf die Spezifik lebenslangen Lernens auch nicht zu evaluieren sein.

Wie aus dem Bildungsbegriff deutlich wird, aktualisiert sich gerade hier eine „Technologiedefizit“, welches verunmöglicht, dass in den Angeboten der kulturellen Jugendarbeit bestimmte, vorab intendierte Lerneffekte zuverlässig erreicht werden. Bildung kann angeregt, jedoch nicht determiniert werden. Die Chancen aber, dass Kinder und Jugendliche im Sinne der Zielsetzungen kultureller Jugendbildung zu kreativen, gemeinschaftsfähigen und selbstbewußten Persönlichkeiten heranreifen, steigt in dem Maße, wie die entsprechenden vielfältigen sozialräumlichen Gelegenheitsstrukturen des Aufwachens zur Verfügung stehen.

Die Auszüge stammen aus:
Werner Lindner: „Ich lerne zu Leben“, Evaluation von Bildungswirkungen in der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen / Qualitätsanalyse im Wirksamkeitsdialog, Unna, 2003
Hg.: LKJ NRW e.V., Dortmund; zu bestellen bei: LKD-Verlag, Kurpark 5, 59425 Unna