Gewalt, Kulturelle Bildung und Kulturschulen – eine Stellungnahme des Bundesverbandes
Gewalt, Kulturelle Bildung und Kulturschulen Was hat sich seit Erfurt geändert?
Am 6. und 7. 3. 2009 führte die BKJ in Berlin eine Fachtagung zu der Notwendigkeit von Kulturschulen durch. Eine Kulturschule ist eine Schule, in der die Künste eine wichtige Rolle spielen. Es geht darüber hinaus aber auch um eine Kultur der Anerkennung, es geht um eine Pädagogik, die an den Stärken der Kinder und Jugendlichen ansetzt.
Es wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt anmaßend, über Motive und Ursachen des erschütternden Amoklaufes in Winnenden zu spekulieren. Die BKJ erinnert jedoch an die Stellungnahme des Vorstandes vom 14. Mai 2002.
Es stellt sich - auch als kritische Rückfrage an die Politik – die Frage, was im Hinblick auf die in dieser Stellungnahme formulierten Analysen und Ziele unternommen worden ist.
Kulturelle Bildung und die Gewalt: Für eine Pädagogik und Politik der Würde und Anerkennung
Gewalt ist Teil unseres gesellschaftlichen Alltags – darauf haben nicht zuletzt die Terror-Anschläge in New York und die Morde in Erfurt hingewiesen. Gewalt kommt nicht plötzlich von außen in die Gesellschaft, sie entsteht offensichtlich in der Mitte der Gesellschaft und hat auch dann gesellschaftliche Ursachen, wenn sie letztlich von Einzeltätern begangen wird. Kulturelle Bildungsarbeit kann dies nicht ignorieren, wenn sie etwas mit der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu tun haben will. Sie wird dabei nicht beanspruchen, Erklärungen für Ereignisse geben zu können, die uns fassungslos machen. Sie hat jedoch Möglichkeiten des Erkennens und Bearbeitens von Gewaltphänomenen, und sie muss reflektieren, wo sie selber zur Quelle von Gewalt werden könnte. Gewalt taucht nämlich in vielen Erscheinungsformen auf: Neben der realen Gewalt von Mord und Terror gibt es z. B. vielfältige Gewaltdarstellun gen in Bildern und Medien. Diese haben z. T. mit erfundenen Geschichten und Spielen zu tun (fiktionale Gewalt), z. T. beanspruchen sie jedoch, die reale Gewalt des Krieges, des Terrors oder die alltägliche Gewalt bei Verkehrsunfällen und Naturkatastrophen objektiv wiederzugeben. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen realer und fiktionaler Gewalt. Beide sind insbesondere Thema in der kulturellen Medienbildung. Denn diese kann zeigen, wie man Themen inszeniert und bestimmte Wirkungen erzielt. Dadurch klärt sie über Absichten und Methoden medieninszenierter Gewaltdarstellun gen auf. Gewalt ist also definitiv ein Thema von Kultur- und Medienarbeit, zumal auch die Künste immer schon private und öffentliche Gewalt zum Thema hatten.
Gewalt findet jedoch auch verborgen im Alltag statt: als strukturelle, symbolische oder kulturelle Gewalt. Dort fließt kein Blut, es gibt keine körperlichen Verletzungen. Aber es werden trotzdem Menschen beschädigt: In ihrer Integrität, in ihrer Würde. Es wird – gerade Kindern und Jugendlichen – Anerkennung versagt oder erst gar keine Möglichkeit gegeben, Selbstbewusstsein und Freude an eigenen produktiven Kompetenzen zu entwickeln. Diese alltägliche Gewalt ist deshalb gefährlich, weil sie möglicherweise unwissentlich von uns allen ausgeübt wird: In Schulen, in Kultur- und Jugendeinrichtun gen. Sie realisiert sich in entwürdigenden Arbeitsstrukturen, bei denen die „Sachzwänge" das letzte Wort haben, in denen Mitgestaltung versagt wird, in denen Lebenschancen ungleich verteilt, und wo Kinder und Jugendliche nur eindimensional nach ihrer Leistungsfähigkeit im Absolvieren von Tests bewertet werden. Gewalt wird in einer Gesellschaft realisiert, in der 20% der SchülerInnen ohne Schulabschluss und damit oft ohne Lebenschancen bleiben. Strukturelle Gewalt findet auch dort statt, wo die eigene Lebensweise, Herkunft und Kultur als letztlich wertvollste unterstellt wird.
Eine solche Situation wird nicht durch Akte einer bloß noch symbolischen Politik beseitigt, die eine Verschärfung von Gesetzen und Leistungsanforderungen als einzige Antwort auf gesellschaftliche Not stände findet. Kinder und Jugendliche sind auch keine bloßen Objekte einer neuen Werteerziehung. Ihr Problem ist vielmehr eine Bigotterie von Gesellschaft und Politik im Umgang mit ihren Lebensinteressen. Der Positionierung des Bundesjugendkuratoriums über den „irrationalen Umgang der Gesellschaft mit der nachwachsenden Generation" ist ausdrücklich zuzustimmen.
Wir fordern daher – auch von uns – eine Politik und Pädagogik der Würde und Anerkennung, die sensibel ist für Prozesse der Entwürdigung, der ungerechten Behandlung, der eindimensionalen Bewertung von Menschen und die „die Stärken stärkt und die die Schwächen schwächt" (Johannes Rau). Damit wird man nicht Exzesse von Einzelnen oder fundamentalistischen Gruppen verbinden können. Aber man wird Kinder und Jugendliche weniger anfällig machen für scheinbar einfache Lösungen existenzieller Probleme. (Beschluss des Vorstands der BKJ, Remscheid, den 14. Mai 2002.)
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